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Sommergedichte klassischer Autoren

Weitere ansprechende Sommergedichte klassischer Autoren. Bekannten und weniger bekannten klassische Autoren führen uns lyrisch durch die vielschichtige, faszinierende Jahreszeit Sommer.

Sonnenuntergang über Mohnblumenfeld
Foto: ELG21 / pixabay.com

Der Winter ging, der Sommer kam,
er bringt aufs neue wieder
den vielgeliebten Wunderkram
der Blumen und der Lieder.

Wilhelm Busch (1832 - 1908)


Sommergedichte klassischer Autoren von A - Z

Butterblumengelbe Wiesen
Christian Morgenstern

Die Efeulauben flimmern
Ernst Stadler

Dorfkirche im Sommer
Detlev von Liliencron

Ein grünes Blatt
Theodor Storm

Gewitter
Hermann Löns

Reife
Clara Müller
 

Sommer
Thekla Lingen

Sommerabend
Rainer Maria Rilke

Sommerfrische
Joachim Ringelnatz

Sommerliche Nachmittagsstunde
Alfons Petzold

Sommernachmittag
Clara Müller-Jahnke

Sommernacht
Ludwig Thoma

Sommersneige
Philipp Otto Runge

Sommerzauber
Leon Vandersee

Sonne im August
Selma Meerbaum-Eisinger

Städtische Sommernacht
Rainer Maria Rilke

Stimmungsbild
Rainer Maria Rilke

Vormittag am Strand
Christian Morgenstern

 


Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Städtische Sommernacht

Unten macht sich aller Abend grauer,
und das ist schon Nacht, was da als lauer
Lappen sich um die Laternen hängt.
Aber höher, plötzlich ungenauer,

wird die leere leichte Feuermauer
eines Hinterhauses in die Schauer
einer Nacht hinaufgedrängt,
welche Vollmond hat und nichts als Mond.

Und dann gleitet oben eine Weite
weiter, welche heil ist und geschont,
und die Fenster an der ganzen Seite
werden weiß und unbewohnt.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Stimmungsbild

Graue Dämmerungen hängen
überm weiten Wiesenplan, -
müd, mit rotgelaufnen Wangen
kommt der Tag im Westen an.

Atemlos dort sinkt er nieder
hinter Hängen goldumsäumt,
seine lichtermatten Lider
fallen mählich zu. - Er träumt. -

Träumt manch sonnig Traumgebilde..
Leis vom Himmel schwebt dahin,
jetzt die Nacht und neigt sich milde,
Sterne lächelnd über ihn...

Ludwig Thoma (1867-1921)
Sommernacht

Laue, stille Sommernacht,
Rings ein feierliches Schweigen,
Und am mondbeglänzten See
Tanzen Elfen ihren Reigen.

Unnennbares Sehnen schwillt
Mir das Herz. In jungen Jahren
Hab ich nie der Liebe Lust,
Nie der Liebe Glück erfahren.

Schmeichelnd spielt die linde Luft
Um die Stirne, um die Wangen.
Und es faßt mit Allgewalt
Mich ein selig-süßes Bangen.

Blaue Augen, blondes Haar
Soll ich bald mein eigen nennen?
Und der Ehe Hochgefühl
Soll ich aus Erfahrung kennen.

In der lauen Sommernacht
Wird sie dann im Bette sitzen,
"Männchen", fragt sie, "sag mir doch,
Mußt du auch so gräßlich schwitzen?"

Philipp Otto Runge (1777-1810)
Sommersneige

Wenn jetzt die Sonne heiß am Himmel stehet;
Es dampft die Flur im reichen Blumenduft;
Vom warmen Wind, der durch die Lüfte wehet.
Ein wogend Wallen über Felder gehet,
Zum Widerklange blauer Himmelsluft:
Es wehen Glöckchen blau von allen Hügeln;
Der Himmel will sich in des Kornes Blume spiegeln.

*aus: Gedichte für einen Sommertag "dtv" Hrsg.: Gudrun Bull

Christian Morgenstern (1871-1914)
Vormittag am Strand

Es war ein solcher Vormittag, 
wo man die Fische singen hörte, 
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte, 
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag.

Nur sie, die Fische, brachen leis 
der weit und breiten Stille Siegel 
und sangen millionenweis' 
dicht unter dem durchsonnten Spiegel.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Sommerabend

Die große Sonne ist versprüht,
der Sommerabend liegt im Fieber,
und seine heiße Wange glüht.
Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber ..."
Und wieder dann: "Ich bin so müd ..."

Die Büsche beten Litanein,
Glühwürmchen hangt, das regungslose,
dort wie ein ewiges Licht hinein;
und eine kleine weiße Rose
trägt einen roten Heiligenschein.

Hermann Löns (1866-1914)
Gewitter

Großmutter Natur im Lehnstuhl sitzt -
Wie langeweilig ist es heute,
Sie gähnt, ganz unerträglich sind sie heute,
Die sonst so lustigen Leute:
Die Bäume brummen so geistlos und fad,
Die Bächlein schwatzen so weise,
Der Wind ist erkältet und stark verschnupft -
Die Großmutter lächelt leise.

Das Lächeln flackert als rotes Licht
Am Himmelsrande empor -
Dem Winde fällt etwas Lustiges ein,
Er sagt es den Bäumen ins Ohr,
Die Bäume nicken verständnisvoll,
Erzählen dem Bächlein es weiter,
Das Bächlein prustet lautlachend los -
Die Großmama wird jetzt heiter.

Großmutter ein uraltes Witzchen erzählt -
Ein Blitzschlag fährt herunter!
Großmütterchen kichert - der Donner rollt!
Die Tafelrunde wird munter -
Es toasten die Bäume, der Bach wird berauscht,
Der Wind ist vollkommen bezecht,
Großmütterchen witzelt und kichert wie toll -
So ist ihr die Tischstimmung recht.

Alfons Petzold (1882-1923)
Sommerliche Nachmittagsstunde 

Die Libellen über dem Bach
Sind wie von schwingendem Glas umgeben.
Die Schwalben schweben
Dicht am Boden den taumelnden Fliegen nach.

Durch Busch und Baum
Duftet schwerer die Heumahd herüber;
Unmerklich trüber
Wird der horizontene Saum.

Der flutende Schein
Der Sonne will jähling verfließen
In die fernen, flockigen Wiesen
Fällt Donner ein.

Leon Vandersee (18??-1907)
Sommerzauber

Nun trag‘ ich wieder mein weißes Gewand –
wie träumend geh‘ ich durchs Sommerland,
die alten Pfade, versteckt und grün,
von Schlehdorn umwuchert und wildem Jasmin.

Ein Lachen klingt durch die Dämmerung,
dein Siegfriedlachen, so hell und jung,
ich lausche fiebernd – o du mein Glück,
nun find‘ ich nimmer den Weg zurück.

Nur immer tiefer schreit‘ ich hinein
in den Sommerduft, in den Dämmerschein,
die alten Pfade, versteckt und grün,
von Schlehdorn umwuchert und wildem Jasmin.

Detlev von Liliencron (1844-1909)
Dorfkirche im Sommer

Schläfrig singt der Küster vor, 
Schläfrig singt auch die Gemeinde. 
Auf der Kanzel der Pastor 
Betet still für seine Feinde.

Dann die Predigt, wunderbar, 
Eine Predigt ohnegleichen. 
Die Baronin weint sogar 
Im Gestühl, dem wappenreichen.

Amen, Segen, Türen weit, 
Orgelton und letzter Psalter. 
Durch die Sommerherrlichkeit 
Schwirren Schwalben, flattern Falter.

Thekla Lingen (1866-1931)
Sommer

Sieh, wie sie leuchtet,
Wie sie üppig steht,
Die Rose -
Welch satter Duft zu dir hinüberweht!
Doch lose
Nur haftet ihre Pracht -
Streift deine Lust sie,
Hältst du über Nacht
Die welken Blätter in der heissen Hand ...

Sie hatte einst den jungen Mai gekannt
Und muss dem stillen Sommer nun gewähren -
Hörst du das Rauschen goldener Aehren?
Es geht der Sommer über's Land ...
 

Ernst Stadler (1883-1914)
Die Efeulauben flimmern

Der Sommermittag lastet auf den weißen
Terrassen und den schlanken Marmortreppen
die Gitter und die goldnen Kuppeln gleißen
leis knirscht der Kies. Vom müden Garten schleppen
sich Rosendüfte her - wo längs der Hecken
der schlaffe Wind entschlief in roten Matten
und geisternd strahlen zwischen Laubverstecken
die Götterbilder über laue Schatten.
Die Efeulauben flimmern. Schwäne wiegen
und spiegeln sich in grundlos grünen Weihern
und große fremde Sonnenfalter fliegen
traumhaft und schillernd zwischen Düfteschleiern.

Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942)
Sonne im August

Gleich einer Symphonie in Grün
durchpulst von Licht und Duft und Glanz
ziehn Wiesen sich und Hügel hin
erfüllt von buntem Blumentanz.

Die Wege liegen lang im Wind,
und alle Birken neigen sich.
Und wenn die Gärten verlassen sind,
dann sind sie es nur für mich.

Die Bänke stehen wartend da,
die Gräser wiegen her und hin,
und manchmal scheint der Himmel nah,
und lange Vogelschwärme ziehn.

Und alles ist tief eingetaucht
in Lächeln und in Einsamkeit.
Mit Gold ist alles angehaucht,
und eine Elster schreit.

Clara Müller-Jahnke (1860-1905)
Sommernachmittag

Der Tag ist schön und blau die Luft;
ein süßer Lindenblütenduft
umfließt mich in weichen Wellen. -
Wie träumend zittert der Rosenstrauch
und seine Knospen schwellen
im sommerlichen Hauch.

Die alte Linde steht und sinnt.
In ihren Blättern rauscht der Wind
ein Lied verklungner Wonne;
die Blüten küßt ein Strahl von Licht,
ein goldner Strahl der Sonne,
der durch die Zweige bricht. -

Ein Vogel singt im Lindenbaum -
- ein süßer Klang im süßen Traum -
und wieder schweigt die Weise . . .
Mir ist: als hört auf weiter Flur
ich pochen leise, leise
den Herzschlag der Natur. -

Joachim Ringelnatz (1883-1934)
Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß, 
Das durch den sonnigen Himmel schreitet. 
Und schmücke den Hut, der dich begleitet, 
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser. 
Weil's wohltut, weil's frommt. 
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken 
Von dem freigegebenen Wolkengezupf. 
Vergiss dich. Es soll dein Denken 
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Christian Morgenstern (1871-1914)
Butterblumengelbe Wiesen

Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt, -
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug dich nie gewöhnt!

Wohlgesangdurchschwellte Bäume,
wunderblütenschneebereift -
ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.

Clara Müller (1861-1905)
Reife

An verstaubten Straßenrändern,
am verblühten Schlehdornhag
durch den reifen Sommertag
wunschlos, wahllos, ziellos schlendern ...

Sonnentrunkne Falter irren
taumelnd über Korn und Mohn, -
aus den Feldern kommt ein Ton
leis und scharf wie Sensenschwirren

Theodor Storm (1817-1888)
Ein grünes Blatt

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen, 
Ich nahm es so im Wandern mit, 
Auf dass es einst mir möge sagen, 
Wie laut die Nachtigall geschlagen, 
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.



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