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Klassische Gedichte zur Frühlingszeit

Hier finder Ihr eine Sammlung schöner klassischer Frühlingsgedichte.
Bekannte und weniger bekannte klassische Autoren bringen in ihren Gedichten zur Frühlingszeit ihre Freude an der erwachenden Natur zum Ausdruck.

Zweig mit rosafarbenen Blueten
Bild: Karl-Heinz Stargardt / pixabay.com

Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum -
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.

Theodor Storm (1817-1888)

Frühlingsgedichte klassischer Autoren von A - Z

Abseits
Theodor Storm

Als dann der Frühling im Garten stand
Percy Bysshe Shelley

An den Lenz
Friedrich Rückert

Auf der Wiese
Karl W. Ferdinand Enslin

Das Birkenbäumchen
Gustav Falke

Das erste Veilchen
Karl Egon Ebert

Des Pfingstfestes Sprachenwunder
Franz Josef Zlatnik

Der Frühling
Friedrich Hölderlin

Die Amsel
Heinrich Seidel

Eines Morgens
Betti Paoli

Erste Lerche
Arno Holz

Frage nicht
Auguste Kurs

Früher Frühling
Fred Endrikat

Frühling
Hermann Löns

Frühling
Heinrich Seidel

Frühling
Clara Müller-Jahnke

Frühlings Ankunft
Hoffmann von Fallersleben

Frühlingsleben
Helene Branco

Frühlingslied
Ludwig Hölty

Frühlingsregen
Christian Morgenstern

Frühlingssonne
Julius Rodenberg
 

Im Grünen
Robert Reinick

Immerhin
Wilhelm Busch

In all den Regengüssen
Auguste Kurs

In den duftenden Frühling will ich hinaus
Auguste Kurs

Lob des Frühling
Ludwig Uhland

Märzgesang
Julius Rodenberg

Märzschnee
Hermann Löns

Maisonntag
Theodor Fontane

Meine Lust
Auguste Kurs

Neuer Frühling
Heinrich Heine

Nur einmal bringt des Jahres Lauf
Richard von Wilpert

Ostergruß
Elisabeth Kolbe

Osterlied
Paula Dehmel

Ostern
Ferdinand von Saar

Schneeglöckchen
Friedrich Rückert

Verklärtes Häusermeer
Arno Holz

Vertraut
Wilhelm Busch

Von allen Zweigen
Ricarda Huch

Vorfrühling
Rainer Maria Rilke

Was der Frühling alles tun muss
Frantisek Halas

Wenn der Lenz beginnt
Hermann Francke

Winters Flucht
Hoffmann von Fallersleben

Zauberer Frühling
Helene Branco

Zur Osterzeit
Clara Müller-Jahnke

Fred Endrikat (1890-1942)
Früher Frühling

Zwischen Februar und März
Liegt die große Zeitenwende,
und, man spürt es allerwärts,
mit dem Winter geht`s  zu Ende.
Schon beim ersten Sonnenschimmer
Steigt der Lenz ins Wartezimmer.
Keiner weiß, wie es geschah,
und auf einmal ist er da.
Manche Knospe wird verschneit
Zwar im frühen Lenz auf Erden.
Alles dauert seine Zeit,
nur Geduld, es wird schon werden.
Folgt auch noch ein rauher Schauer,
lacht der Himmel um so blauer.
Leichter schlägt das Menschenherz
zwischen Februar und März.

Karl Egon Ebert (1801-1882)
Das erste Veilchen

Als ich das erste Veilchen erblickt,
Wie war ich von Farben und Duft entzückt!
Die Botin des Lenzes drückt' ich voll Lust
An meine schwellende, hoffende Brust.

Der Lenz ist vorüber, das Veilchen ist tot;
Rings steh'n viel Blumen blau und rot,
Ich stehe inmitten, und sehe sie kaum,
Das Veilchen erscheint mir im Frühlingstraum.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Robert Reinick (1805-1852)
Im Grünen

Sonnenschein und Blütenduft,
das ist ein Vergnügen!
Wenn in blauer Maienluft
hoch die Lerchen fliegen.

Wenn des Baches Wellen sich
durch die Blumen schmiegen,
und die Schmetterlinge sich
auf den Halmen wiegen.

Ach, wie ist es da so schön,
tief im Gras zu liegen
und zum Himmel aufzusehn!
Das ist ein Vergnügen.

Auguste Kurs (1815-1892)
Meine Lust

Ich hab' meine Lust an dem frischen Grün,
An dem Flüstern und Rauschen der Blätter,
An der duftigen Blumen Sprossen und Blüh'n,
An der Lerche hellem Geschmetter.

Ich hab' meine Lust an der Sonne Glanz,
An der Sterne lichtem Gefunkel,
An der plaudernden Wellen flüchtigem Tanz
In des Waldes schattigem Dunkel.

Ich hab' meine Lust an des Zephyrs Hauch,
An des Taues perlendem Segen,
An dem Brausen des Meeres, dem Donner auch,
An dem Sturm und dem strömenden Regen.

Ich hab' meine Lust an der ganzen Natur,
An des Himmels Pracht und der Erden -
So hüt' ich mich still vor den Menschen nur,
Um nimmermehr traurig zu werden. 

Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Frühlings Ankunft

Grüner Schimmer spielet wieder
Drüben über Wies' und Feld.
Frohe Hoffnung senkt sich nieder
Auf die stumme trübe Welt.
Ja, nach langen Winterleiden
Kehrt der Frühling uns zurück,
Will die Welt in Freude kleiden,
Will uns bringen neues Glück.

Seht, ein Schmetterling als Bote
Zieht einher in Frühlingstracht,
Meldet uns, dass alles Tote
Nun zum Leben auferwacht.
Nur die Veilchen schüchtern wagen
Aufzuschau'n zum Sonnenschein;
Ist es doch, als ob sie fragen:
»Sollt' es denn schon Frühling sein?«

Seht, wie sich die Lerchen schwingen
In das blaue Himmelszelt!
Wie sie schwirren, wie sie singen
Über uns herab ins Feld!
Alles Leid entflieht auf Erden
Vor des Frühlings Freud' und Lust –
Nun, so soll's auch Frühling werden,
Frühling auch in unsrer Brust!

Heinrich Heine (1797-1856)
Neuer Frühling

Die blauen Frühlingsaugen
Schaun aus dem Gras hervor;
Das sind die lieben Veilchen,
Die ich zum Strauß erkor.

Ich pflücke sie und denke,
Und die Gedanken all,
Die mir im Herzen seufzen,
Singt laut die Nachtigall.

Ja, was ich denke, singt sie
Lautschmetternd, dass es schallt;
Mein zärtliches Geheimnis
Weiß schon der ganze Wald.

Percy Bysshe Shelley (1792-1832)
Als dann der Frühling im Garten stand

Als dann der Frühling im Garten stand,
Das Herz, ein seltsam Sehnen empfand,
Und die Blumen und Kräuter und jeder Baum
wachten auf aus dem Wintertraum.

Schneeglöckchen und Veilchen hat über Nacht
der warme Regen ans Licht gebracht,
Aus Blüten und dunkler Erde ein Duft
durchzog wie ein sanftes Rufen die Luft.

Hermann Löns (1866-1914)
Märzschnee

Märzschnee rieselt durch die Zweige
Und umspinnt den weiten Wald,
Alle Vogellieder schweigen
Und es wird so stumm und kalt.

Eine kleine graue Meise
Trillert einmal noch ihr Lied,
Einmal noch ein Sonnenstreifen
Dünn den stillen Wald durchzieht.

Auf den kalten, nassen Wegen
Gehe ich mit leichtem Fuß,
Wie ein Lied war mir dein Lächeln
Und wie Sonnenschein dein Gruß.

Frantisek Halas (1901-1949)
Was der Frühling alles tun muss

Erst die Sonne höher heben,
dann die Gräser grün anstreichen,
allen, die auf Erden leben,
brüderlich die Hände reichen,

Schlangen häuten, Schatten schwärzen,
Felder kämmen, auch die Wiesen,
sorgen, dass Kastanienkerzen
brennen, Weidenruten schießen,

für die Vögel Noten schreiben
und die Rosenblätter zählen,
mit den Kindern Unfug treiben,
Wäldern neue Farben wählen,

Käfern ihre Panzer putzen,
Zäunen guten Morgen sagen,
Tau als Schmuck für Gras benutzen,
Licht in Mauselöcher tragen,

weil die Bienen gern was hätten,
Honig in die Blüten stecken,
alle Katzenfelle glätten - 
und die Kinder morgens wecken!

Ja der Frühling hat zu tun,
und was machen wir denn nun?

Auguste Kurs (1815-1892)
In all den Regengüssen (Frühlingshoffnung)

In all' den Regengüssen
Seh' ich des Frühlings Thau,
In schneebedeckten Fluren
Die blütenweiße Au'.

Mir ist der kalte Nebel
Wie künft'ger Blumen Duft
In all' dem rauhen Wehen
Verspür' ich Frühlingsluft.

Ich ahne hinter Wolken
Der Frühlingssonne Schein -
Ist in mir Lenz und Hoffnung,
Mag draußen Winter sein.

Friedrich Rückert (1788-1866)
Schneeglöckchen

Der Schnee, der gestern noch in Flöckchen
Vom Himmel fiel
Hängt nun geronnen heut als Glöckchen
Am zarten Stiel.
Schneeglöckchen läutet, was bedeutet's
Im stillen Hain?

O komm geschwind! Im Haine läutet's
Den Frühling ein.
O kommt, ihr Blätter, Blüt' und Blume,
Die ihr noch träumt,
All zu des Frühlings Heiligtume!
Kommt ungesäumt!

Julius Rodenberg (1831-1914)
Warte noch

Warte noch ein kleines Weilchen
Liebe Sonne, lieber Wind!
Bis die Primeln und die Veilchen
Auf der Wiese kommen sind.

Wasser fließen, Wolken eilen,
Sieh am Bache erstes Grün!
Liebes Herz, wo wirst Du weilen,
Wenn die ersten Rosen blüh'n?

Gustav Falke (1853-1916)
Das Birkenbäumchen

Ich weiß den Tag, es war wie heute,
ein erste Maitag, weich und mild,
und die erwachten Augen freute
das übersonnte Morgenbild.

Der frohe Blick lief hin und wieder,
wie sammelt er die Schätze bloß?
So pflückt ein Kind im auf und nieder
sich seine Blumen in den Schoß.

Da sah ich dicht am Wegesaume
ein Birkenbäumchen einsam stehn,
rührend im ersten Frühlingsflaume.
Konnt’ nicht daran vorübergehn.

In seinem Schatten stand ich lange,
hielt seinen schlanken Stamm umfaßt
und legte leise meine Wange
an seinen kühlen Silberbast.

Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte
im zarten Laub wie Schmeichelhand.
Ein Zittern lief herab, als fühlte
das Bäumchen, daß es Liebe fand.

Und war vorher die Sehnsucht rege,
hier war sie still, in sich erfüllt;
es war, als hätte hier am Wege
sich eine Seele mir enthüllt.

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag´ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo sich Feste verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

Richard von Wilpert (1862-1918)
Nur einmal bringt des Jahres Lauf

Nur einmal bringt des Jahres Lauf
uns Lenz und Lerchenlieder.
Nur einmal blüht die Rose auf,
und dann verwelkt sie wieder;
nur einmal gönnt uns das Geschick
so jung zu sein auf Erden:
Hast du versäumt den Augenblick,
jung wirst du nie mehr werden.

Drum lass von der gemachten Pein
um nie gefühlte Wunden!
Der Augenblick ist immer dein,
doch rasch entfliehn die Stunden.
Und wer als Greis im grauen Haar
vom Schmerz noch nicht genesen,
der ist als Jüngling auch fürwahr
nie jung und frisch gewesen.

Nur einmal blüht die Jugendzeit
und ist so bald entschwunden;
und wer nur lebt vergangnem Leid,
wird nimmermehr gesunden.
Verjüngt sich denn nicht auch Natur
stets neu im Frühlingsweben?
Sei jung und blühend einmal nur,
doch das durchs ganze Leben!

Arno Holz (1863-1929)
Verklärtes Häusermeer

Mitten auf dem Platz,
wo die Kinder lärmen,
bleib ich stehn.

Jungens,
die sich um eine Murmel zanken,
 ein kleines Mädchen, das Reifen spielt ...

Herr Gott, Frühling!

Und nichts, nichts hab ich gesehn!

Aus allen Büschen
brechen ja schon die Knospen!

Arno Holz (1863-1929)
Erste Lerche

Zwischen
Gräben und grauen Hecken,
den Rockkragen hoch,
beide Hände in den Taschen,
schlendere ich
durch den frühen
Märzmorgen.

Falbes Gras,
blinkende Lachen und schwarzes Brachland,
so weit ich sehen kann.

Dazwischen,
mitten in den weißen Horizont hinein,
wie erstarrt,
eine Weidenreihe.

Ich bleibe stehen.

Nirgends ein Laut.       Noch nirgends Leben.
Nur die Luft und die Landschaft.

Und sonnenlos
wie den Himmel
fühle ich
mein Herz.

Plötzlich - ein Klang!

Ein zager, zarter zitternder Jubel,
der,
langsam,
immer höher
steigt!

Ich suche in den Wolken.

Über mir,
wirbelnd, schwindend, flatterdrehig, flügelselig, kaum entdeckbar,
pünktchenschwarz,
schmetternd,
durch
immer heller strömendes Licht,
die
erste Lerche!

Wilhelm Busch (1832-1908)
Vertraut

Wie liegt die Welt so frisch und tauig
Vor mir im Morgensonnenschein.
Entzückt vom hohen Hügel schau ich
Ins frühlingsgrüne Tal hinein.

Mit allen Kreaturen bin ich
In schönster Seelenharmonie.
Wir sind verwandt, ich fühl es innig,
Und eben darum lieb ich sie.

Und wird auch mal der Himmel grauer;
Wer voll Vertraun die Welt besieht,
Den freut es, wenn ein Regenschauer
Mit Sturm und Blitz vorüberzieht.

Ludwig Uhland (1787-1847)
Lob des Frühlings

Saatengrün, Veilchenduft, 
Lerchenwirbel, Amselschlag, 
Sonnenregen, linde Luft!

Wenn ich solche Worte singe, 
braucht es dann noch großer Dinge, 
Dich zu preisen, Frühlingstag? 

Ricarda Huch (1864-1947)
Von allen Zweigen

Von allen Zweigen perlt der goldne Schaum,
Auf allen Bäumen flammen Blütenbrände,
Unzählbar lacht der Kuckuck durch den Raum.
Frag ich ihn bang nach meines Lebens Ende.

Es blüht und lebt bis an der Erde Saum,
Wird blühn und leben, singt er, ohne Wende,
Als wäre Frühling nicht ein kurzer Traum.
Auch du bist ewig! Spare nicht, verschwende!

Helene Branco (1816-1894)
Frühlingsleben

Dunkelnde Felder,
Dunkelnde Wälder
Blitzen und leuchten im perlenden Thau.
Gaukelnde Weste
Schaukeln die Äste,
Wiegen sich selig in blühender Au.
Moosige Matten,
Rosige Schatten
Locken den Wandrer zum laubigen Dach.
Fliehende Kähne,
Ziehende Schwäne
Gleiten hinunter den rauschenden Bach.
Flüsternde Quellen,
Lüsterne Wellen
Netzen der Bäume bemoosten Fuß.
Klingende Lieder
Dringen hernieder,
Bringen und singen uns freundlichen Gruß.

Julius Rodenberg 1831-1914
Märzgesang

Noch liegt die Erde wie befangen,
Es ruht das Feld, es schweigt der Wald;
Der Himmel ist noch schwarz verhangen,
Und aus den Bergen weht es kalt.

Doch horch! es geht ein leises Mahnen,
Ein Flüstern geht geheimnißvoll —
Als sollte man schon leise ahnen,
Was nunmehr Alles werden soll.

Die Wolken ziehen rasch am Himmel,
Die Wasser rauschen voll durch's Thal;
Bald kommt ein flockiges Gewimmel,
Bald ein verirrter Sonnenstrahl.

Und durch dies ahnungsvolle Grausen,
Durch dieses Hoffen schmerzensbang,
Geht stark und voll der Winde Brausen,
Wie der Gewalt'gen Lenzgesang.

Ich muh in's kühle Land hernieder,
Durch Wald und Feld trägt mich der Schritt;
Der Sturm singt seine dunklen Lieder,
Und tiefbewegt sing' ich sie mit.

O banges Sehnen, dunkle Regung,
Die wunderbar im Herzen gährt,
Bis aus der stürmischen Bewegung
Der Liebe Frühling sich verklärt!

Zwei Schachbrettblumen
Foto: Kurt F. Domnik / pixelio.de

Heinrich Seidel (1862-1906)
Frühling

Was rauschet, was rieselt, was rinnet so schnell?
Was blitzt in der Sonne? Was schimmert so hell?
Und als ich so fragte, da murmelt der Bach:
»Der Frühling, der Frühling, der Frühling ist wach!«

Was knospet, was keimet, was duftet so lind?
Was grünet so fröhlich? Was flüstert im Wind?
Und als ich so fragte, da rauscht es im Hain:
»Der Frühling, der Frühling, der Frühling zieht ein!«

Was klingelt, was klaget, was flötet so klar?
Was jauchzet, was jubelt so wunderbar?
Und als ich so fragte, die Nachtigall schlug:
»Der Frühling, der Frühling!« — da wusst' ich genug!

Christian Morgenstern (1871-1914)
Frühlingsregen

Regne, regne, Frühlingsregen,
weine durch die stille Nacht!
Schlummer liegt auf allen Wegen,
nur dein treuer Dichter wacht ...

lauscht dem leisen, warmen Rinnen
aus dem dunklen Himmelsdom,
und es löst in ihm tiefinnen
selber sich ein heißer Strom,

lässt sich halten nicht und hegen,
quillt heraus in sanfter Macht ...
Ahndevoll auf stillen Wegen
geht der Frühling durch die Nacht.

Auguste Kurs (1815-1892)
In den duftenden Frühling will ich hinaus

In den duftenden Frühling will ich hinaus,
Hinweg aus dem kalten, beengenden Haus
In die freie verlockende Weite.
Was soll mir der Bücher verdrießlicher Kram,
Die ich immer und immer vergeblicher nahm,
Ich werfe sie freudig zur Seite.

Denn find' ich nicht draußen der Blätter genug?
Da schimmert geheimnißvoll jeglicher Zug
Von des Ewigen eigenen Händen -
Das wieget die übrigen Lettern wohl auf,
So will ich denn auch in geflügeltem Lauf
Von dem einen zum andern mich wenden.

Da bin ich nun draußen und blicke umher,
Wie wird das Studieren schon wieder mir schwer
Hier unter den blühenden Bäumen!
Sie senden schon Blüte auf Blüte mir zu,
So will ich hier rasten in seliger Ruh',
Und will nur genießen und träumen.

Karl W. Ferdinand Enslin (1819-1975)
Auf der Wiese

Viel tausend Blumen stehen
im Sonnenglanze hier.
Kann sie nicht alle sehen,
wünsch´ aber alle mir.

Hätt´ich doch tausend Augen
und Hände ohne Zahl.
Könnt´sie wohl alle brauchen,
die Wiesen pflückt ich kahl.

Möcht´alle Blumen bringen
den lieben Eltern mein,
zu ihnen lustig springen
mit tausend Sträußelein.

Jed´s Blümlein freundlich nikket,
als wollt´s mit mir nach Haus.
Ich habe schon gepflücket
den allerschönsten Strauß.

Clara Müller-Jahnke 1860-1905
Zur Osterzeit

Ist das ein Ostern! - Schnee und Eis
hielt noch die Erde fest umfangen;
frostschauernd sind am Weidenreis
die Palmenkätzchen aufgegangen.

Verstohlen durch den Wolkenflor
blitzt hie und da ein Sonnenfunken -
es war, als sei im Weihnachtstraum
die schlummermüde Welt versunken.

Es war, als sollten nimmermehr
ins blaue Meer die Segel gehen, -
im Park ertönen Finkenschlag,
und Veilchenduft das Tal durchwehen. -

Und dennoch, Seele, sei gewiß:
Wie eng sich auch die Fesseln schlingen,
es wird der Lenz, das Sonnenkind,
dem Schoß der Erde sich entringen.

Dann sinkt dahin wie Nebelflor
auch all dein Weh und deine Sorgen,
und veilchenäugig lacht dich an
ein goldner Auferstehungsmorgen! 

Paula Dehmel (1862-1918)
Osterlied

Has, Has, Osterhas, 
Wir möchten nicht mehr warten! 
Der Krokus und das Tausendschön, 
Vergissmeinnicht und Tulpe stehn
Schon lang in unserm Garten.

Has, Has, Osterhas
Mit deinen bunten Eiern!
Der Star lugt aus dem Kasten raus,
Blühkätzchen sitzen um sein Haus;
Wann kommst du Frühling feiern?

Has, Has, Osterhas, 
Ich wünsche mir das Beste! 
Ein großes Ei, ein kleines Ei
Und ein lustiges Dideldumdei, 
Alles in einem Neste!

Theodor Fontane (1819-1898)
Maisonntag

Du klare Luft, du liebe Sonne,
Du grüner Wald, du Blütental
Du ganze große Maienwonne,
sei mir gegrüßt viel tausendmal.

Wie regungslos ob deiner Schöne
Hemmt seinen Lauf der Morgenwind,
Und Vogelsang und Glockentöne
Nur in der Luft lebendig sind.

Es steigt der Rauch vom Hüttenherde
Wie Abels Opfer himmelwärts,
Doch höher hebt sich von der Erde
Mein Lied - und dankerfülltes Herz!

Theodor Storm (1817-1888)
Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen;
Die Vögel schwirren aus dem Kraut -
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
- Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

Blühender Apfelbaum
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Betty Paoli (1814-1894)
Eines Morgens

An's Fenster rückt' ich meinen Tisch
Und wollte weise Dinge schreiben,
Doch, eh' ich's dachte, sah ich frisch
Mein Blatt im Morgenwinde treiben.

Was liegt an einem Blatt Papier?
Leicht ist's, ein zweites zu bereiten!
Nun aber ließ die Sonne mir
Streiflichter blendend drüber gleiten.

Wie flogen sie so lustig hell
Die Pfeile von dem gold'nen Bogen!
Gleich einem Schilde ließ ich schnell
Den grünen Vorhang niederwogen.

Jetzt, meint' ich, jetzt wird Ruhe sein!
Des Fleißes ernste Zeit beginne!
So dacht' ich, still vergnügt, allein
Bald ward ich meines Irrtums inne.

Denn schmeichelnd und verlockend drang
Durch Blättergrün und grünen Schleier
Der Vögel Lied wie Festgesang,
Wie eine freud'ge Liebesfeier.

Was half es mir, daß ich mein Ohr
Vom Lauschen suchte zu entwöhnen?
Im Geiste hörte ich den Chor
Der süßen Stimmen doch ertönen.

Vergeblich sorgt' ich, daß sich nicht
Der Sonne Schimmer zu mir stehle;
Das ich von mir gebannt, das Licht,
Ich schaut' es doch in meiner Seele.

Da warf ich meine Feder hin!
Nicht länger konnt' ich widerstreben,
Gefangen war mir Herz und Sinn -
Ich musste mich dem Lenz ergeben.

Aus meinem Hause trieb mich's fort
Auf waldgekrönte Bergeshöhen,
Wo, wie ein mildes Segenswort,
Die ahnungsvollen Lüfte wehen.

Den heil'gen Stimmen horchend, saß
Ich dort bis spät zum Abendlichte,
Und meine trunkne Seele las
In Gottes ewigem Gedichte!

Quelle: http://www.wortblume.de/dichterinnen/

Ferdinand von Saar (1833-1906)
Ostern

Ja, der Winter ging zur Neige, 
holder Frühling kommt herbei, 
lieblich schwanken Birkenzweige, 
und es glänzt das rote Ei.

Schimmernd wehn die Kirchenfahnen
bei der Glocken Feierklang,
und auf oft betretnen Bahnen
nimmt der Umzug seinen Gang.

Nach dem dumpfen Grabchorale
tönt das Auferstehungslied,
und empor im Himmelsstrahle
schwebt er, der am Kreuz verschied.

So zum schönsten der Symbole
wird das frohe Osterfest,
dass der Mensch sich Glauben hole,
wenn ihn Mut und Kraft verlässt.

Jedes Herz, das Leid getroffen, 
fühlt von Anfang sich durchweht, 
dass sein Sehnen und sein Hoffen 
immer wieder aufersteht! 

Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Winters Flucht

Dem Winter ward der Tag zu lang,
ihn schreckt der Vogel Lustgesang;
Er horcht und hört´s mit Gram und Neid,
Und was er sieht, das macht ihm Leid.

Er sieht der Sonne milden Schein,
Sein eigner Schatten macht ihn Pein.
Er wandelt über grüne Saat
Und Gras und Keime früh und sprach:
“Wo ist mein silberweißes Kleid,
Mein Hut, mit Demantstaub bestreut?”

Er schämt sich wie ein Bettelmann
Und läuft, was er nun laufen kann.
Und hinterdrein scherzt Jung und Alt
In Luft und Wasser, Feld und Wald;
Der Kiebitz schreit, die Biene summt,
Der Kuckuck ruft, der Käfer brummt;
Doch weil´s  noch fehlt an Spott und Hohn,
So quakt der Frosch vor Ostern schon.

Ludwig Hölty (1748-1776)
Frühlingslied

Die Luft ist blau, das Tal ist grün,
die kleinen Maienglocken blühn
und Schlüsselblumen drunter;
der Wiesengrund ist schon so bunt
und malt sich täglich bunter.

Drum komme, wem der Mai gefällt,
und freue sich der schönen Welt
und Gottes Vatergüte,
die diese Pracht hervorgebracht,
den Baum und seine Blüte.

Hermann Löns (1866-1914)
Frühling

Hoch oben von dem Eichenast
Eine bunte Meise läutet
Ein frohes Lied, ein helles Lied,
Ich weiß auch, was es bedeutet.

Es schmilzt der Schnee, es kommt das Gras,
Die Blumen werden blühen;
Es wird die ganze weite Welt
In Frühlingsfarben glühen.

Die Meise läutet den Frühling ein,
Ich hab' es schon lange vernommen;
Er ist zu mir bei Eis und Schnee
Mit Singen und Klingen gekommen.

Amsel mit Material zum Nestbau im Schnabel
Foto: Peashooter / pixelio.de

Elisabeth Kolbe (1864-1936)
Ostergruß

's ist Osterzeit! Wenn Du's nicht wissen solltest,
So kündeten Dir's Fink und Amsel an,
Und wenn Du diese nicht vernehmen wolltest,
So hätte es der Veilchenduft gethan,
Der süß berauschend – als ein Frühlingsbote
Aus einer lieblicheren Welt entschwebt –
Mit holden Wohlgerüchen die noch tote
Natur zum Auferstehungsfest belebt.

's ist Osterzeit! Wie Dich im Lenzgetriebe
Die Blumen grüßen und der Vöglein Schlag,
So grüßt Dich aus der Ferne heut' in Liebe
Ein treues Herz zum frohen Ostertag;
Es wünscht dir ein beglückendes Versenken
In die an Wundern reiche Frühlingszeit
Und ein noch mehr gesegnetes Gedenken
Der uns geoffenbarten Herrlichkeit.

's ist Osterzeit! Nun wirf sie ab, die Sorgen,
Dem neuen Morgen hoffend zugewandt,
Und fühle Dich in dessen Hand geborgen,
Der die Erlösung für sein Volk erfand!
Gewiß, wie er ein tausendfaches Leben
In Wald und Flur jetzt wundermächtig schafft,
Wird er auch Deinem Herzen wieder geben
Der Osterhoffnung neue Lebenskraft.

Franz Josef Zlatnik (1871-1933)
Des Pfingstfestes Sprachenwunder

Alles starrt in Waffen-Erzen! 
Rings ein Ringen, Todesbüßen! – 
Dennoch gilt aus vollem Herzen, 
Pfingstfest, dir ein frohes Grüßen!

Deiner hehren Feuerzungen 
Wir in Andacht still gedenken! 
Mögst du neu, von Gott durchdrungen, 
Uns ein »Sprachenwunder« schenken!

Daß die Menschheit, nah und ferne, 
Liebend sich verstehen lerne! –

Heinrich Seidel (1842-1906)
Die Amsel

Wie tönt an Frühlingstagen
So schwermuthsreich und hold
Der Amsel lautes Schlagen
In’s stille Abendgold.

Es schimmert an den Zweigen
Ein zartverhülltes Grün,
Die jungen Säfte steigen,
Und es beginnt zu blühn.

Doch nicht mit Jubeltönen
Begrüsst die Amsel nun
Die Tage, jene schönen,
Die in der Zukunft ruhn.

Es klingt wie Leides Ahnung,
Sie singt im schwarzen Kleid
Schon jetzt die trübe Mahnung,
Wie kurz die schöne Zeit.

Wilhelm Busch (1832 - 1908)
Immerhin

Mein Herz, sei nicht beklommen,
Noch wird die Welt nicht alt.
Der Frühling ist wiederkommen,
Frisch grünt der deutsche Wald.

Seit Ururvätertagen
Stehen die Eichen am See,
Die Nachtigallen schlagen,
Zur Tränke kommt das Reh.

Die Sonne geht auf und unter
Schon lange vieltausendmal,
Noch immer eilen so munter
Die Bächlein ins blühende Tal.

Hier lieg' ich im weichen Moose
Unter dem rauschenden Baum,
Die Zeit, die wesenlose,
Verschwindet als wie ein Traum.

Von kühlen Schatten umdämmert,
Versink' ich in selige Ruh;
Ein Specht, der lustig hämmert,
Nickt mir vertraulich zu.

Mir ist, als ob er riefe:
»Heija, mein guter Gesell,
Für ewig aus dunkler Tiefe
Sprudelt der Lebensquell.«

Julius Rodenberg ( 1831-1914)
Frühlingssonne

Frühlingssonne tritt mit Funkeln
Aus den Wolken; Merzluft weht,
Tief am Berg, im Wald, dem dunkeln
Und am Strom der Schnee zergeht.
Veilchendüfte, Lerchenschall,
Glanz und Jubel überall.
O wie wonnig,
O wie sonnig,
Wenn der Frühling aufersteht!

Möchte nun ein Vogel werden,
In den Himmel fliegen ein,
Und doch von dem Glanz der Erden
Kann ich gar nicht mich befrei n.
O, mein Schatz, so anmuthreich,
Erd' und Himmel mir zugleich,
Stern und Sonne,
Qual und Wonne,
Könnt' ich nunmehr bei Dir sein!

Friedrich Rückert (1788-1866)
An den Lenz

Schmücke doch, du Hand des Lenzen,
Schmücke diese Fluren doch,
Daß ich sie zuletzt erglänzen
Seh' in vollem Glanze noch.

Daß, wenn ich einst einsam weine,
Aus der Ferne dein Gefild'
Tröstlich lächelnd mir erscheine,
Nicht ein starrend Winterbild.

Clara Müller-Jahnke 1860-1905
Frühling

Zu meinen Füßen im welken Laub
und mir zu Häupten singt der Wind
in den knospenden Buchenkronen.
blühen die Anemonen,

Ist das ein strahlender Sonnenschein -
ist das ein wonniges Wetter!
Es rauschen unter meinem Fuß
die abgestorbenen Blätter . . .

Das ist der lachende Frühlingswind,
der kommt aus dem sonnigen Süden
und grüßt von der blauen Adria
die Wellen, die wintermüden.

Das ist der lachende Frühlingswind,
der wandert weiter am Strande
und küßt noch heute ein einsam Grab
im nordischen Nebellande.

Auch in den düstern Tannenwald
zieht singend König Frühling ein:
die jungen Knospen lockt er bald,
die glühn wie Blut im Sonnenschein.

Durch die wogende Brust des Waldes geht
ein Atemholen tief und stark -
ein Baum nur trauernd seitwärts steht,
den traf der Frost bis tief ins Mark.

Hermann Francke (1663-1727)
Wenn der Lenz beginnt

Wenn der Lenz beginnt
wenn der Schnee zerrinnt
und die Veilchen weckt ein warmer Hauch
wenn die Täler blühn
wenn die Berge grün
Herz, o Herz, erwache du dann auch
Sieh die Welt so blühend
sieh die Welt so weit
o du wundersel´ge Frühlingszeit.


Wenn im tiefen Wald
Kuckucksruf erschallt
wenn im Blauen sich die Lerche schwingt
wenn mit süßem Schall
lockt die Nachtigall,
O, wie jubelt dann das Herz und singt
Sieh die Welt so blühend
sieh die Welt so weit
o du wundersel´ge Frühlingszeit.


Weiß nicht, was ich will
möchte weinen still
möchte jubelnd wandern immerzu
Sehnsucht lockt hinaus
Liebe zieht nach Haus
Herz, o trauernd Herz, was willst denn du?
Zieh herein ins Herz
in Glanz und Herrlichkeit
O du wunderselge Frühlingszeit.

Auguste Kurs (1815-1892)
Frage nicht

Der eifrige starre Winter ist vergangen,
Es regt sich leicht der laue Frühlingswind,
Sein milder Hauch umfächelt meine Wangen,
Ich will den Langentbehrten froh empfangen
Und frage nicht: Woher, du Himmelskind?

Gewürz'ge süße Blumendüfte wehen
Mir hold entgegen in der Frühlingsluft,
Gleichviel, ob nah, ob fern die Blumen stehen,
Ob lang' sie blühen, ob sie bald vergehen,
Ich frage nicht, woher der süße Duft?

Und lieblich auf der Lüfte leichten Wogen
Ertönt von fern ein lockender Gesang,
Nachhallend kommt mir Ton auf Ton gezogen -
Gleichviel, von welchen Lippen er entflogen,
Ich frage nicht, woher der holde Klang?

Im Herzen auch, da regt sich's mild und leise,
Wie Frühlingshauch, wie Sang und Blütenduft,
Ich lausche, wie auf süß bekannte Weise,
Dahingegeben ganz dem Zauberkreise
Und frage nicht, welch' eine Stimme ruft.

Denn einzig Schweigen kann dem Glücke frommen;
Wo eines Schatzes blaue Flamme zückt,
Da wird er schweigend nur der Erd' entnommen,
Bevor das lichte Zeichen noch verglommen -
Drum frage nicht, sonst ist der Schatz entrückt.

Gustav Falke (1853-1916)
Das Birkenbäumchen

Ich weiß den Tag, es war wie heute,
ein erste Maitag, weich und mild,
und die erwachten Augen freute
das übersonnte Morgenbild.

Der frohe Blick lief hin und wieder,
wie sammelt er die Schätze bloß?
So pflückt ein Kind im auf und nieder
sich seine Blumen in den Schoß.

Da sah ich dicht am Wegesaume
ein Birkenbäumchen einsam stehn,
rührend im ersten Frühlingsflaume.
Konnt’ nicht daran vorübergehn.

In seinem Schatten stand ich lange,
hielt seinen schlanken Stamm umfaßt
und legte leise meine Wange
an seinen kühlen Silberbast.

Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte
im zarten Laub wie Schmeichelhand.
Ein Zittern lief herab, als fühlte
das Bäumchen, daß es Liebe fand.

Und war vorher die Sehnsucht rege,
hier war sie still, in sich erfüllt;
es war, als hätte hier am Wege
sich eine Seele mir enthüllt.

Helene Branco
Zauberer Frühling

Zaub'rer Frühling kommt in Lüften,
In der goldnen Strahlen Tracht,
Malt in Farben, haucht in Düften,
Schmückt die Flur in luft'ger Pracht.

Sieh, wie lohen, sieh, wie flammen
Hier die Grunde, dort die Flur,
In ein einzig Grün zusammen
Blüht erwachend die Natur.

Maienglöckchens Brautgelaute
Steht in seinem reichen Sold,
Wonnereigen füllt die weite
Flur im Grün und Sonnengold.

Kleine Sänger, die Gespielen
An der Rose holdem Thron,
Schlagen an mit seel'gem Fühlen
Neue Lust im Liebeston.

Bunte Schmetterlinge schweben
Wie in einer Wunderwelt,
Blumen sich beflügelt heben
Von der Luft emporgeschnellt.

Im melod'schen Zuge wallen
Goldne Bienen durch die Luft,
Silberweiße Flöckchen fallen
Leicht in's Grün wie Nebelduft.

Aus der Sonne goldnen Strahlen
Webt der Zaub'rer Frühling Licht,
Falter, Lüfte, Blümchen malen
Frühlingsgöttlich Traumgesicht.

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