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Klassische Gedichte zu verschiedenen Themenbereichen

Klassische Gedichte. Eine lose Sammlung zu verschiedenen Themenbereichen. Besinnliche und heitere Texte laden den Leser zum Verweilen ein.

Steg ins Meer
Foto: koseb / pixabay.com
Abendstimmung am Meer
Foto: Tabor / pixabay.com
Meeresküste
Foto: Frank Winkler / pixabay.com

Klassische Autoren und ihre Werke von A - Z

Bettina von Arnim

Marie von Ebner-Eschenbach

Fred Endrikat

Theodor Fontane

Natalie von Herder

Paul Heyse

Arno Holz

Maria Janitschek

Auguste Kurs

Thekla Lingen

Emerenz Meier

Betty Paoli

Rainer Maria Rilke

Adele Schopenhauer

Aurora Stechern

Kurt Tucholsky

Franz Josef Zlatnik

Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)
Ein kleines Lied

Ein kleines Lied! Wie geht's nur an,
Daß man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Fred Endrikat (1890-1942)
Schicksal

Soviel Dinge gehn im Leben 
auf dich zu, noch mehr daneben. 
Mensch, dein Weg ist dir bestimmt. 
Nimm das Schicksal, wie es kimmt.

Jeder muß sein Päcklein tragen, 
teils mit Wohl-, teils Unbehagen. 
Schau nach vorn, dort gehen sie: 
Hans im Glück und Pechmarie.

Etwas Sonne, sehr viel Regen, 
Freude folgt den Nackenschlägen, 
oder manchmal umgedreht, 
wie es so im Leben geht.

Wieviel Blüten an dem Baume 
werden nie zur reifen Pflaume. 
Wieviel Pulver, wieviel Blei 
schießt der Feind an dir vorbei.

Weine nicht um das Verpaßte. 
Denke: Was du hast, das haste. 
Kriegst du nicht, was du gewollt, 
hat es wohl nicht sein gesollt.

Kurt Tucholsky (1890-1935)
Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

*Quelle: www.kurt-tucholsky.info

Arno Holz (1863-1929)
Ich bin der reichste Mann der Welt

Ich bin der reichste Mann der Welt!

Meine silbernen Yachten
schwimmen auf allen Meeren.

Goldne Villen glitzern durch meine Wälder in Japan,
in himmelhohen Alpenseeen spiegeln sich meine Schlösser,
auf tausend Inseln hängen meine purpurnen Gärten.

Ich beachte sie kaum.

An ihren aus Bronze gewundenen Schlangengittern
geh ich vorbei,
über meine Diamantgruben
lass ich die Lämmer grasen.

Die Sonne scheint,
ein Vogel singt,
ich bücke mich
und pflücke eine kleine Wiesenblume.

Und plötzlich weiß ich: ich bin der ärmste Bettler!

Ein Nichts ist meine ganze Herrlichkeit
vor diesem Thautropfen,
der in der Sonne funkelt.

Franz Josef Zlatnik (1871-1933)
Es war einmal

Ich schritt dahin durch menschenvolle Gassen, 
Dem Broterwerb entgegen, ernst gestimmt; 
Und schmerzlich wollt' es mir den Sinn erfassen, 
Wie all' dies Treiben, reich an Gier, an Hassen 
Und arm an Lieb', die besten Kräfte nimmt – 
Da tönte mir ein trauter Klang ans Ohr, 
Erhellend meines Sinnens Nebelflor.

Ich sah ein Weib in meiner Nähe schreiten, 
Gar sorglich führend an der Hand ihr Kind, 
Sie schien es froh zur Schule hinzuleiten: 
Von ihrem Munde hört' ich Worte gleiten, 
Die längst dem Herzen lieb und teuer sind: 
Umhastet rings von Menschen ohne Zahl, 
Erzählte sie dem Kind: »Es war einmal ...«

Wie sie, erzählend, Leben, Traum vertauschte, 
Des Alltags wüstes Treiben mir entschwand; 
Mir war, als ich den Märchenworten lauschte, 
Als ob der Jugend Wundergarten rauschte, 
Gehegt dereinst von meiner Mutter Hand – 
Als ob's von ihr in all der Unrast Qual 
Aus Ätherhöhen klang: »Es war einmal ...«

Bettina von Arnim (1785-1859)
Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet,
Vom Weg durchzogen, der hinüber leitet,
Das weiße Haus inmitten aufgestellt,
Was ist's, worin sich hier der Sinn gefällt?

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Erstieg ich auch der Länder steilste Höhen,
Von wo ich könnt die Schiffe fahren sehen
Und Städte fern und nah von Bergen stolz umstellt,
Nichts ist's, was mir den Blick gefesselt hält.

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Und könnt ich Paradiese überschauen,
Ich sehnte mich zurück nach jenen Auen,
Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt,
Denn der allein umgrenzet meine Welt.

Paul Heyse (1830-1914)
Von Lacerten (1.)

Eine fand ich, eine fette,
Die vor ihrem Schlupfloch saß,
Ehrbar, sauber und behaglich
Und die Augen hell wie Glas.

An dem warmbesonnten Steine
Putzte sie das Näschen blank,
Fing sich dann und wann ein Mückchen,
Das sich ihr zu nahe schwang.

Rechts und links durch alle Ritzen
Raschelte die junge Brut.
Sie allein blieb stattlich sitzen,
Wie gereifte Weisheit tut.

Nur zuweilen mit dem Schwänzchen
Zuckte sie bedeutungsvoll,
Trieben es die jungen Leute
In den Kammern gar zu toll.

So in innres Schaun versunken
Und Genuß des Sonnenlichts,
Nicht erschrak sie, da ich nahte,
Denn der Weise fürchtet nichts.

Wie der Philosoph der Tonne
Sah sie mich gelassen an:
Geh mir etwas aus der Sonne,
Unbekannter, junger Mann!

Quelle: www.goethezeitportal.de

Maria Janitschek (1859-1927)
Woher?

Tiefblau der Himmel,
hell glänzt der Firn,
da fällt ein Tropfen
auf meine Stirn.

Ich wend mich um,
und spähe, spähe ..
nicht Wolken, nicht Menschen
in meiner Nähe.

Du schöner Himmel,
von Glanz umwoben,
sag, weinen denn
die auch dort oben?

Natalie von Herder (1802-1871)
Die Federn

Drei Federn wurden uns für dieses Leben
Zum wechselnden Gebrauch anheim gegeben.
Aus seinem Fittich gab zuerst ein Engel
Die eine Dir, daß Du des Lebens Mängel
Damit verzeichnest mit Gelassenheit.

Die zweite stammt aus eines Adlers Flügel,
Sie folgt der Phantasie mit leichtem Zügel,
Kühn bis zur Sonne, über Wolken hebet
Ihr Flug sie, der der Wirklichkeit entschwebet,
Erheiternd mildert sie den Ernst der Zeit.

Die dritte löste sich aus Amors Schwingen,
Um treuer Liebe Sprache Dir zu bringen;
Sie bleibt sich gleich, wird überall verstanden,
In allen Zeiten, wie in allen Landen,
Sie trägt Dein Glück in's Buch des Lebens ein.

Theodor Fontane (1819-1898)
Glaube an die Welt

Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
vor dem das Beste selbst zerfällt,
und wahre dir den vollen Glauben
an diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
das lächelnd auf den Säugling blickt,
und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
ist nur der eigene Widerschein.

Beutst du dem Geiste seine Nahrung,
so laß nicht darben sein Gemüt,
des Lebens höchste Offenbarung
doch immer aus dem Herzen blüht.

Ein Gruß aus frischer Knabenkehle,
ja mehr noch eines Kindes Lall’n
kann leuchtender in deine Seele
wie Weisheit aller Weisen fall’n.

Erst unter Kuß und Spiel und Scherzen
erkennst du ganz, was Leben heißt;
o lerne denken mit dem Herzen,
und lerne fühlen mit dem Geist.

Aurora Stechern (um 1850)
Interpretation der Gesetze

»Falsches Zeugniß reden
Wider deinen Nächsten
Sollst du nie!
In Indicien fehlen,
Klatschen über Jeden,
Na, das mögen sie!«
 
»Du sollst auch nicht tödten,
Denn das Blutvergießen
Richtet man!
Die man liebt, zu quälen,
Das in Kerker schließen,
Na, das geht noch an!«
 
»Du sollst auch nicht stehlen,
Denn es ist ein Grauen
Dieberei!
Güter confisciren,
Über's Ohr zu hauen,
Na, was ist dabei? - ! -

Moral davon:

Mit dem Gewissen muss man fertig werden,
Und jedes Ding hat seine Zeit;
Wer gar zu häklich ist auf Erden,
Der kommt gewiß nicht weit! -

Quelle: http://www.wortblume.de/dichterinnen/

Adele Schopenhauer (1797-1849)
[Dein Wille geschehe! - Doch was ist dein Wille?]

Dein Wille geschehe! - Doch was ist dein Wille?
Dein heilig Reich komme - doch wo naht es sich?
Ich ruf's durch die Welt; doch in ewiger Stille
Verbreitet sich Schweigen und Grausen um mich.
 
Dich such' ich im Himmel, auf Erden, im Herzen,
Doch Vater, Allew'ger, ach wo find' ich Licht?
Dich faßt' ich in Wonnen, Dich faßt' ich in Schmerzen,
Nun irr' ich im Dunkel und fasse Dich nicht.
 
Und bin ich ein Geist denn, und hat ewig Leben
Dein Athem dem Kind in die Seele gehaucht,
So muß deine Liebe dort Antwort mir geben,
Weil hier meine Liebe die Antwort gebraucht.

Quelle: http://www.wortblume.de/dichterinnen/

Betty Paoli (1814-1894)
Naturstimmen

Hell glüht im Wald, dem düstern,
Des Abendlichtes Brände,
Die Blätter rauschen, flüstern -
O, wer sie doch verstände!

Empor aus dichten Zweigen
Gleich einer Opferspende
Der Vögel Lieder steigen -
O, wer sie doch verstände!

Der Bach zieht seine Kreise
Durch grüne Uferwände,
Die Wellen murmeln leise -
O, wer sie doch verstände!

In all' den Wechselreden,
Ob nicht ein Gruß sich fände
Aus dem verlornen Eden? -
O, wer sie doch verstände!

Quelle: http://www.wortblume.de/dichterinnen/

Emerenz Meier (1874-1928)
Mein Wald, mein Leben

Ich sah den Wald im Sonnenglanz,
Vom Abendrot beleuchtet,
Belebt von düstrer Nebel Tanz,
Vom Morgentau befeuchtet:
Stets blieb er ernst, stets blieb er schön,
Und stets mußt' ich ihn lieben.
Die Freud' an ihm bleibt mir besteh'n,
Die andern all zerstieben.

Ich sah den Wald im Sturmgebraus,
Vom Winter tief umnachtet,
Die Tannen sein in wirrem Graus,
Vom Nord dahingeschlachtet;
Und lieben mußt' ich ihn noch mehr,
Ihn meiden könnt' ich nimmer.
Schön ist er, düsterschön und hehr,
Und Heimat bleibt er immer.

Ich sah mit hellen Augen ihn,
Und auch mit tränenvollen;
Bald hob er meinen frohen Sinn,
Bald sänftigt' er mein Grollen.
In Sommersglut, in Winterfrost, -
Konnt' er mir mehr nicht geben, -
So gab er meinem Herzen Trost;
Und drum: Mein Wald, mein Leben!

Quelle: http://www.wortblume.de/dichterinnen/

Thekla Lingen (1866-1931)
Rosen

Ach, gestern hat er mir Rosen gebracht,
Sie haben geduftet die ganze Nacht,
Für ihn geworben, der meiner denkt -
Da hab' ich den Traum der Nacht ihm geschenkt.

Und heute geh' ich und lächle stumm,
Trag' seine Rosen mit mir herum
Und warte und lausche, und geht die Thür,
So zittert mein Herz: ach, käm er zu mir!

Und küsse die Rosen, die er gebracht,
Und gehe und suche den Traum der Nacht ...

Quelle: wortblume.de/dichterinnen/

Auguste Kurs (1815-1892)
Am Fenster

Ich lehn' am Fenster, trüb' und still,
Hab' Vieles überdacht,
Die Dämm'rung schwand mir unbemerkt,
Es naht sich schon die Nacht.
Die Häusermassen liegen da,
Von Nebel grau umwebt,
Als wären sie verlassen all'
Und gänzlich unbelebt.

Doch sieh! da blitzet fern ein Licht
Und wieder eins empor,
Bald glänzt aus allen Fenstern fast
Der helle Schein hervor.
Da weilen rings die Menschen nun
In Freude oder Schmerz,
Da regt sich manche fleiß'ge Hand,
Manch ungestümes Herz.

Was doch an Hoffnung Lust und Leid
Ein einz'ges Haus enthält,
Denn jedes Menschen Herz umschließt
Die ganze, eigne Welt.
Und in so kleinem Raume spinnt
Manch reiches Loos sich ab;
Dann gehen wir aus engem Raum
Zum engsten, in das Grab.

So kurz ein Tag! und wieviel birgt
Ein Tag an Lust und Leid,
Und aus wie wenig Tagen webt
Sich eine Lebenszeit!
Und wieder ist nach kurzer Frist
Ein Lebenstag verbracht
Habt gute Nacht, ihr Müden all',
Von Herzen gute Nacht!

Quelle: http://wortblume.de/dichterinnen/

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